WAS LEHRT UNS DAS UNIVERSUM...                                      Meditation - 9 -
Das Universum schenkte uns das Leben. Wir bewohnen einen verletzlichen Körper, eine verletzliche Seele und einen
verletzlichen Geist. Wir brauchen das Sattwerden unseres Körpers, unserer Seele und unseres Geistes.
Wenn
einer der Bereiche nicht in dem notwendigen Gleichgewicht ist, drängt uns die Lebenskraft, aktiv zu werden.
Von der Zeugung an leben wir zwischen Fülle und Mangel. Was ist das notwendige Futter für unsere
drei Lebensbereiche?
Wie und wann bekommen wir Erfüllung und Balance und sagen: "Gut so?"

      VERLETZLICHES LEBENDIGSEIN
     Jahrmillionen unserer Evolution lebten unsere Vorgänger mit den Gefahren einer mächtigen Natur. Sie
gab Geschenke zu Leben, Gesundsein, Liebe und Freude. Sie gab ihnen, was sie brauchten. Sie ließ sie auch Gefahren und Mangel erleben. Sie forderte Pflanzen und Tiere zu ihrer Entwicklung heraus. Die Vormenschen lernten, in einander helfenden Gemeinschaften am Leben zu bleiben. Sie gaben sich Unterstützung zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Durch Sorgen für einander wurden sie die Menschen, die wir heute sind.

     Vor gut 20.000 Jahren begann eine neue Geschichte. Menschen fingen an, die nötige Nahrung für ihren Körper nicht mehr durch Sammeln und Jagen zu finden, sondern sie erzeugten sie selber durch Landbebauung und Viehzucht. Sie lösten sich aus vielen Abhängigkeiten von der Natur und traten in neue Abhängigkeiten ein. Eine Umgestaltung der Erde begann, die bis heute andauert. Nun machten Vorsorge und Arbeit satt, und ein sicheres, langes, glückliches Leben hing von menschlichem Gestalten und Planen ab. Was machen Menschen, wenn die Speicher voll sind? Was vertreibt Langeweile? Was fordern die Energien in Leib, Seele und Geist? Führer und Fürsten melden sich. Sie suchen Gefolgsleute und geben die Richtung vor. Sie benennen Ziele, Arbeit, Aktivitäten, Opferfeste, Jubelfeste und Kriege. Es entstehen Sakralbauten für Götter und Könige. Menschen werden Diener mächtiger Fürsten und Einrichtungen. Entdecker, Helden und Sieger herrschen über Wirtschaft, Politik und die Rollen der Vielen.

     Vor 100 Jahren fragte Sigmund Freud: Was bestimmt menschliches Fühlen und Verhalten in der Kulturwelt? Er zeigte: Es gibt ein weiteres Universum, eine unsichtbare, unbewusste Welt in unseren Köpfen, die uns Menschen steuert. Der Psychotherapeut Arthur Janov beschrieb, dass die Menschenseele durch schmerzliche Verletzungen in kindlicher Zeit umgegeprägt werden und uns nicht die Primärgefühle aus der Lebensquelle bestimmen. Viele unserer Verhaltensweisen sind das Ergebnis von "primal pains" und der Abwehr gegen sie. Sie formen mit an Gefühlen, Gedanken, Zielen und Ängsten der Einzelnen und der Gesellschaft. Der Theologe und Seelenerforscher Bert Hellinger zeigte, dass Menschen durch kindliche Liebe oft mit den schweren Schicksalen ihrer Eltern, Vorfahren und Völker identifiziert sind. Verbundenheit aus kindlichen Zeiten will Eltern und Angehörige retten, erlösen oder auch rächen. Nur wenig ist uns bewusst, woher unsere Ängste, Schmerzen, Zorn, Ehrgeiz und Feindschaft kommen. Die Basis-Antriebe unserer menschlichen Lebensquelle warten hinter den Sekundärgefühlen von Schmerz und Schmerzabwehr, die sich darüber legen.

      Von der Evolution her ist die Aufmerksamkeit des Menschengehirns auf ein tiefes Miteinander mit anderen gerichtet. Diese Besonderheit zeigt sich bis heute an uns. Sie bewegt uns im Alltag körperlich, gefühlsmäßig und geistig. Vorrangig wünschen wir für ein gelingendes Miteinander Wir leben für uns selbst und zugleich für einander. Neben freundlicher Zuneigung gibt es das Umkippen dieser Energie in Abneigung oder Haß gegen andere und sogar gegen sich selbst. Alle Dinge können bei uns zu persönlichen Partnern werden. Wir treten in eine intensive Ich-Du-Wir-Beziehung ein. Auf vielfältige Weise sind wir mit ihnen identifiziert.

    SEELE UND WILLKOMMENSEIN
     Noch vor 400 Jahren sahen Menschen über ihren Köpfen einen Himmel voller Lichter, den sie mit Phantasien und Göttern füllten. Belehrt durch geniale Forscher füllen wir heute unser Gehirn mit Wissen, das näher an der Realität ist. Wir haben Wissen über Sonnen, Planeten, Galaxien und schwarzen Löchern. Wir gewinnen Wissen über die Mikrowelt, über Zellen, Atome und ihreTeilchen. Wir atmen Sauerstoff, den Pflanzen freisetzen. Sie geben keine Richtungsweisung für unser Menschenleben. Wir leben in einer von uns gestalteten, Umwelt, in der wir die Nächte ruhig durchschlafen könnten.

      Seit unserer Herrschaft über Pflanzen, Tiere und Schätze der Erde wurde die menschliche Gesellschaft zum mächtigsten Räuber der Erdgeschiichte. Keine Gottheit befiehlt Einzelnen, Staaten oder Armeen, was 'gut' ist. Wir lernen die Kindergartenregel: "Wir und alles Leben sind verletzlich. Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu." Reicht sie als Richtschnur? - Mutters Körper und Lebenskraft gaben uns einst ein 'Willkommen'. Es sagte: "Willkommen, herein. Gut bist du und schön. Ich gebe dir, was du brauchst und was dir gut tut." Jedes am Leben gebliebene Menschenkind empfängt ein Willkommen von Mutter, Vater und ihren Gemeinschaften - körperlich, gefühlsmäßig und geistig. Ohne ein Willkommen auf allen drei Ebenen gäbe es uns nicht. Leben entsteht aus Verbundenheit, und es besteht in Verbundenheiten. Mangel an Zuwendung beängstigen Vertrauen. Es wandelt sich in Misstrauen, Stress und Kampf. Die freundliche Anrede und das Lächeln der Eltern öffnet unsere Lebenskraft. Sie schenkten uns einen Namen und Bedeutsamkeit. Erlebtes 'Ja' und erlebtes 'Nein' formen uns und unsere Gemeinschaften.

      Viele Entdeckungen der Wissenschaften befreien von Aberglauben. Sie stürzen uns aber auch in die schwer aushaltbare Wahrheit unserer Unwissenheit, die uns Tapferkeit und Demut abverlangt. Gelehrte Forscher haben unser Wissen bereichert, z.B. über Blitz, Donner, Krankheiten und vieles mehr. Sie sind nun keine Drohungen zoniger Götter oder Dämonen mehr. Sie sind das, was sie sind: Naturereignisse. Uns erfüllt phantastisches Leben, und uns umhüllt ein geheimnisvolles Universum. Immanuel Kant gab zusammen mit anderen die Erlaubnis, die eigene Vernunft zu gebrauchen. Er lud ein, aufgeklärte Bürger zu sein. Die Astronauten auf der Rückreise vom Mond erlebten, wie ihnen im gigantischen, schwarzen Weltall die kleine, liebenswerte Erdkugel entgegenschwebte. Ihre Schwerkraft hieß sie willkommen und nahm sie wohlbehalten wieder in ihre Gemeinschaft auf. Wo es freiheitliche Kulturen gibt, wollen Menschen nicht mehr unmündige Kinder sein. Die Fülle um uns lässt uns staunen. Auf den Bühnen unseres Geistes spielen Helden und Entdecker. Sie begeistern mit unterschiedlichen Geschichten, Erzählungen, Kunstwerken und sportlichen Leistungen. Die uns bewohnende Zuneigungskraft ersehnt scheinbar Widersprüchliches: freiheitliche Entfaltung und respektvolle Verbundenheit. Wie finden wir das erfüllte Alltagsleben und das Große, das uns Willkommen, Sinn und Bedeutung gibt? Die Länge der Zeiten und die Weite des Alls verschlagen uns den Atem, ebenso die Winzigkeit der Atome und Teilchen, ihr Zusammenwirken und ihre Energie. Den rätselhaften Beginn des Weltalls aus einem stecknadelkopfgroßen Nichts berechnen Wissenschaftler auf 13,8 Milliarden Jahre.

      Der Dichter Heinrich Heine fragt: 'Ich weiß nicht: Was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin?' Dann erzählt er von einem 'Märchen aus uralten Zeiten', das ihm nicht aus dem Sinn geht. Er sieht den ruhig fließenden Strom seiner Heimat und darüber im Abendsonnenschein den funkelnden Gipfel eines Berges, in dessen Licht er die Schönheit der jugendlichen Lebensmutter schaut. Entzückt bei ihrem Anblick beschreibt er sie mit mythologischen Worten: 'Die schönste Jungfrau sitzet dort droben wunderbar. Ihr goldenes Geschmeide blitzet. Sie kämmt ihr goldenes Haar. Sie kämmt es mit goldenem Kamme und singt ein Lied dabei. Das hat eine wundersame, gewaltige Melodei. Den Schiffer im kleinen Kahne ergreift es mit wildem Weh.' Am Ende versinkt er mit dem Schiffchen in den Fluten des Stroms. - Wir alle sind zum Leben Verzauberte durch das Lied der Lebensmutter. Sie erscheint als selbstbewusste Herrscherin über dem Strom. Ihr Antlitz rührt uns und sagt: 'Ich bin gut und schön.' Wir alle sind Kinder der betörenden Jungfrau. Ihr Lied begeistert und ergreift uns mit seinem Ja zum Leben und seinem Weh. Seit unserem Lebensbeginn begleitet uns die Botschaft:'Willkommen. Herein. Du liebes Kind, du lieber Mensch. Gut bist du und schön.' In zahllosen Begegnungen und Begebenheiten schenkte sie uns Rettung und Leben. Körperzellen verbinden sich seit Millionen Jahren zu wohltuenden Balancen. Die Zellen eines Baums lassen die Sonnenlicht-ergreifenden Äste mit ihren Blätter senkrecht wachsen. Unsere Zellen regeln Körperwärme auf zehntel Grad genau. Wenn uns solche Wunder bewusst werden, fragen wir: Was ist das für eine Kraft, die uns Leben und Glück schenkt? Und unser Nichtwissen fragt: Ist das Leben gut?

      EINE GLÜCKS- UND LIEBESGESCHICHTE
      Unsere menschliche Werdegeschichte weist auf eine besondere Weiterentwicklung im Reich der Tiere und Pflanzen. Wir sind mit ihnen verwandt, doch was ist das Besondere? An den Eigenheiten des Baus von Körper, Seele und Geist des Menschen können wir erkennen: Wir haben ein erweitertes Lebensglück und erweitertes Unglück. Wir erleben Liebesglück und erweiterte Interessen. Die Evolution formte alle Lebewesen aus den Genen ihrer Vorfahren und dem Umgang mit ihrer Umgebung. Sie entwickelte das Riesig-Werden der Dinosaurier über 100 Millionen Jahre lang. Ihr Aussterben gab Raum und Zeit für die Entwicklung der kleinen Säugetiere. 60 Millionen Jahre nach dem Sterben der Saurier erhoben sich die aufrecht-laufenden Vorrmenschen der Hominiden-Familie. Welches Glück wartete auf ihre Nachkommen nach fünf Jahren Saugen an der Mutterbrust und 10 Jahren Kindheit? Hände, Kommunikation und das Interesse ihres Geistes halfen, einfühlende Personen zu werden. Nicht Kämpfe um Dominanz, Rangfolge oder Zeugungsrechte beschäftigten Körper und Gehirn der Vormenschen. Immer wieder waren sie begeistert von partnerbezogenen, helfenden Ich-Du-Wir-Verbundenheiten zum Geben, Nehmen und Helfen. Dies soziale Verhalten ist anders als das der zähnefletschenden Paviane oder der fleißigen Bienen. - Männer und Frauen sorgten gleichrangig für Partnerglück, für Überleben und Kinder. Ihr Gehirn wurde der hochsensible, interessierte Abwäge-
Sinn für Austausch und Nähe. Er beglückte und ertrug tiefgehende Schmerzen. Er regelte das Geben und Nehmen. Menschliches Sich-Kümmern und Sich-Abstimmen wurde die vorrangige Arbeit für ihr Gehirn. Parallel dazu entwickelte sich unabwendbar die andere Seite: Es konnte ferne sein und Schaden planen.

      Die Besonderheit der jungen Säugetierart war die Erweiterung ihrer Seele: Menschen konnten sich in Andere, in Mitgeschöpfe und Dinge 'hineindenken'. Sie konnten sich in andere 'verlieben' und sogar in Gegenstände. - Wertschätzung, Kooperation und Sprache erschufen ein 'erweitertes Bewusstsein', das sogar dem eigenen Selbst nahe oder ferne sein konnte. Menschen wünschen einander: 'Guten Tag'. Sie sagen 'Danke' und 'Bitte'. Doch ebenso konnten sie gegen andere und sich selbst 'böse' sein.

      Vor 7.000 Jahren schufen Menschen ein neues 'Lebensmittel'. Sie erfanden die Zwischenware 'Geld'. Es ist ein Tauschmittel, das mit Zahlen verbunden ist. Diese Erfindung erleichtert den Warenaustausch und die Dienste unter einander. Nun gibt es Geben und Nehmen durch Kaufen ohne langwieriges Verhandeln zwischen Personen. Es erleichtert schnelle Verträge für hunderttausend Menschen. Für alle ist die Tauschware Geld nützlich und begehrenswert. Besitzern dieses Zaubermittels öffnen sich unendliche Möglichkeiten aber auch Versuchungen zu Schaden. Diese Tauschware befreit von Dankesschuld und Zurückschenken. Ihre Besitzer sagen nicht mehr: "Ich bin satt, ich habe genug." sondern das Gegenteil: 'Wie kriege ich mehr?" Dinge und Dienste können fair oder unfair gekauft werden. Die Besitzer dieser Errungenschaft erringen Wertschätzung, Macht und Öffentlichkeit.

        Bei uns Erwachsenen prüft das Gehirn: Wem oder welcher Sache wollen wir nahe oder ferne sein? An unseren Taten sehen wir unsere bisherige Antwort. - Einst, in der Kindheit unseres Lebens, erfuhren wir Leben und Glück im Gegenüber zu Mutter, Vater und ihrem Willkommen. Wir waren Teilhaber an ihrem Glück und Unglück. Sie waren die Großen und wir die Kleinen. Nun, da wir die erwachsenen Großen sind, stellen wir die Frage nach Leben und Glück an die in uns wohnenden Kräfte und an das Universum draußen. Ihre Beantwortung ist nicht leicht. Für Viele führt sie zu leichtfertigen Schlüssen. Denn die Basis-Antriebe in Körper, Seele und Geist wurden durch erlittene Schmerzen, Mängel, Traumata und ihre Abwehr umgeformt. Abwehr und 100 Sekundärgefühle drängeln sich vor. Süchte, Zwänge, Ängste und Zorn kommen nicht aus der Lebensquelle. Erst wenn wir auch die erlittenen Schmerzen und Verletzungen erkennen, sie würdigen und hinter ihre Barriere schauen, kommen wir nahe an unsere 'real feelings', Antriebe und Talente, die aus tiefer Quelle kommen. Sie alle sind gut zum Leben und wirken zum umsichtigen, verantwortlichen Handeln. Wir erfahren sie als beglückende Bedürfnisse 1.) zum unverletzten, gesunden Am-Leben-Bleiben, 2.) zum glücklichen Verbundensein in Austausch und guter Gemeinschaft und 3.) zur Entfaltung unserer Fähigkeiten in einem freien, wertgeschätzten Person-Sein. Unsere Lebenskraft weiß um unsere Verletzlichkeit und unser Maß. Sie erstrebt Unversehrtheit und lockt zu einem guten Wirken einer Gemeinschaft. Sie erstrebt keine Traumwelt. Sie wirkt zu täglicher Erfüllung, Ankommen und 'Sattsein' in Körper, Seele, Geist nach den Umständen der Realität.

        Seit unserem Wachstum im Mutterleib sind wir die Überlebenden vieler körperlicher, seelischer und geistiger Gefahren aber auch vieler Glücksmomente. Wir sind zu Leben in Gemeinschaft und Geist Gerettete. Erlitttene Bedrohungen und große Mängel bedeuteten Schmerz und Abwehr-Einstellungen. Aber wir befreien uns aus ihrem Bann und folgen unseren guten Talenten. Die Befriedigung unserer Basis-Bedürfnisse führt in ein Vollständigsein, Ankommen, Glück und Dankbarkeit. Es ist ein normal-gutes Leben. Es ist ein Leben angesichts unseres Nichtwissens über das große Daseinsgeheimnis. - Der Seelen- und Glücksforscher Bert Hellinger* nennt diesen Finde-Weg 'Phänomenologische Philosophie' und 'Liebe des Geistes', der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer 'Tatmystik' und 'Ehrfurcht vor dem Leben', der Neurobiologe Gerald Hüther 'Würde-Geben und Würde-Haben', und Jesus, der Christus, nennt ihn 'Liebe zu Gott und zum Nächsten'. - Aus der Tiefe unseres Herzens hören wir den Lockruf von Universum und Evolutionn zu einem beglückenden Menschenleben. Wir antworten: "Danke für unser Menschsein. Danke für das Leben in einer Wunderwelt. Danke für Bewusstsein, Teilnehmen und Teilgeben."

www.bieback.de © by Klaus Bieback, 31.1.2021, - * Bert Hellinger:'Die Heilung', 2011, Albert Schweitzer: 'Die Ehrfurcht vor dem Leben', 1984,  Gerald Hüther: "Würde", 2018, Madelaine Böhme "Wie wir Menschen wurden", 2019, George Saunders "Herzlichen Glückwunsch übrigens", 2020.

 

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